Im Interview mit Harry Tincknell

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Harry Tincknell gehört zu den neuen Fahrern der Saison 2015. Zusammen mit Nissan wird er im GT-R LM Nismo sein Debüt in der höchsten WEC-Klasse geben. Wir hatten die exklusive Gelegenheit, ihn während seiner Vorbereitungen zur bevorstehenden Saison zu befragen.
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WM: Ihr (Du und Nissan) seid beide neu in der LMP1-Kategorie, könnte jedoch bereits auf Erfahrungen aus der LMP2 zurückgreifen. In wie weit ähneln sich die Fahrzeuge, sodass ihr von euren Kenntnissen profitieren könnt und in wie weit unterscheiden sich die Prototypen voneinander?
HT: Nissan hat bereits in der LMP2-Klasse äußerst starke Motoren am Start. Erwartungsgemäß haben sie es auch geschafft die gewonnenen Erkenntnisse auf das neue LMP1-Aggregat anzuwenden. Persönlich werde ich all das einbringen, was ich im vergangenen Jahr gelernt habe. Das fängt an beim Verhalten während Überrundungen und geht weiter mit Sachen wie der Einteilung des Benzins im Rennen sowie der Planung und Umsetzung der Rennstrategie. Jedoch ist dies eine neue Stufe und ich muss auch noch eine ganze Menge dazu lernen.
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WM: Bevor du in den Langstreckensport gekommen bist, hast du in zahlreichen Single-Seater-Serien um den Titel mitgekämpft. Was machte die Langstrecken-Szene für dich so attraktiv, dass es schließlich zu einem Wechsel dorthin kam und nicht zum Cockpit in einer anderen Formel-Serie?
HT: Die Langstrecke ist der Ort, wo man aktuell die meisten Entwicklungsmöglichkeiten hat. Die Vielzahl an Fahrzeugen und Herstellern bietet einem jungen Menschen wie mir einfach die besten Optionen. Hinzu kommt, dass ich diesen einzigartigen Teamgeist einfach liebe. Das Fahrzeug muss 24 Stunden fahren und du gibst zusammen mit deinen Teamkollegen und Mechanikern alles, um innerhalb von nur 30 Boxenstopps dieses Ziel zu verwirklichen. Im vergleich zur Formel 3 ist das einfach eine ganz andere Art von Herausforderung und ich glaube das war bei mir der Auslöser.

WM: Wie hast du reagiert, als du nach einem Jahr in der ELMS bereits das Jobangebot von Nissan bekamst?
HT: Ich war natürlich sehr erfreut, nach nur einem Jahr im Langstreckensport bereits solch eine Möglichkeit zu bekommen. Mit 23 Jahren bin ich der jüngste LMP1-Fahrer in diesem Jahr und es ist ein großartiger Schritt in meiner Karriere. Ich hatte natürlich gehofft, nach dieser tollen ELMS-Saison einen Aufstieg in die WEC zu schaffen, doch das Angebot von Nissan war mehr als ich mir erhofft habe. Jetzt werde ich alles daran setzten um die Möglichkeit die mir eröffnet wurde umzusetzen und zu beweisen, dass es die richtige Entscheidung war mich zu wählen.

WM: Der Nissan GT-R LM Nismo kommt als einziges Fahrzeug mit einem Frontmotor daher. Diese bauliche Maßnahme hat dazu geführt, dass die Fahrerkapsel ans Ende des Wagens gerutscht ist. Kannst du beschreiben wie sich dieser besondere Umstand auf deine Sicht hinter dem Lenkrad auswirkt?
HT: Die Veränderte Sitzposition hinter dem Motor hat eigentlich keine großen Auswirkungen auf mein Sichtfeld. Was mich hingegen etwas mehr beeinflusst ist die Tatsache, dass ich zum ersten mal ein Dach über mir habe. Es verkleinert das Sichtfeld ein wenig, jedoch gewöhnt man sich recht schnell daran.
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WM: Was waren deine Gedanken, als Nissan dir das Konzept des GT-R LM mit Frontmotor und Vorderradantrieb zum ersten mal vorstellte?
HT: Ich war aufgeregt an solch einem innovativen Projekt beteiligt zu sein. Mein erster Gedanke war: Das ist etwas völlig neues! Bis zu diesem Zeitpunkt war ich noch nie solch ein spezielles Fahrzeug gefahren und ich konnte es kaum erwarten meine erste Runde zu drehen.

WM: Was sind deine persönlichen Ziele für diese Saison?
HT: Gerade in der Anfangsphase ist es mir wichtig, das Team mit passendem Feedback zu unterstützen um das Auto weiterzuentwickeln. Gleichzeitig will ich meine Fähigkeiten auf der Strecke verbessern, um das Level von Olivier Pla und Marc Gené zu erreichen, sodass wir gemeinsam die besten Ergebnisse erzielen können.

WM: Die WEC fährt in diesem Jahr auf acht Strecken, verteilt rund um den Globus. Auf welchen Kurs freust du dich am meisten?
HT: Nach dem Sieg bei den 24 Stunden von Le Mans bin ich einfach fasziniert von dieser Strecke und kann es kaum erwarten dorthin zurück zu kehren. Doch auch Silverstone als mein Heimrennen wird ein besonderes Event, da ich dort in den vergangenen Jahren immer gute Ergebnisse erzielen konnte. Auf das Rennen in Fuji freue ich mich ebenfalls schon. Es ist eine neue Strecke für mich und der Nissan sollte dort richtig gut laufen. Zusammen mit der Unterstützung durch die japanischen Fans beim Nissan-Heimrennen wird es ein tolles Erlebnis.

WM: Einer der größten Diskussionspunkte in den vergangenen Jahren war die lange Sommerpause der WEC. Wie ist es für dich aus Fahrersicht, unterstütz du die längere Erholungsphase oder bevorzugst du es früher ins Fahrzeug zurück zu kehren?
HT: Persönlich bevorzuge ich einen stabilen Rennkalender über einen längeren Zeitraum und nehme eine größere Sommerpause in kauf. Gerade für das Team, die Mechaniker und die Verantwortlichen ist es wichtig, dass sie nach Le Mans genügend Zeit zur Erholung haben. Ich nutze die entstehende Zeit für mich, um eigenständige Vorbereitungen zu treffen und um zu trainieren.

WM: Die Geschichte von Nissans im Motorsportabteilung reicht über die letzten 30 Jahre zurück. Wenn du die Möglichkeit bekommen würdest, einen beliebigen Wagen aus dieser Zeit zu fahren, welcher währe das und wo würdest du deine Runde drehen?
HT: Ganz klar der Nissan R90C in Le Mans. Es war das erste Fahrzeug, welches eine Poleposition für Nissan bei dem 24 Stunden Klassiker holte. Der Wagen ist ein wahres PS-Monster und schaffte es auf den dritten Platz, das bisher beste Le Mans Ergebnis für Nissan. Hoffen wir, das wir mit dem GT-R LM in Zukunft auch die verbleibenden zwei Positionen einfahren können.
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GT-R LM Bilder – Harry Tincknell Racing
Jota/Nissan R90C Bilder – Walter Schruff