Das Gruppenfoto aller Fahrer aus Le Mans 2016

Mit jedem Jahr gewinnt die WEC mehr an Aufmerksamkeit und erreicht neue Motorsportfans auf der ganzen Welt. Wenn man als Neueinsteiger erstmals einen Lauf der Langstrecken-Weltmeisterschaft anschaut, tauchen einige Fragezeichen auf. Mit unserem Leitfaden „Die WEC für Einsteiger“ wollen wir allen Fans helfen offene Fragen vor dem kommenden Rennen zu beantworten.

Das Konzept

Viele von uns haben ihren ersten Kontakt mit dem Motorsport durch die Formel 1 gehabt. Wir wuchsen auf und schauten regelmäßig die Rennen. Über die letzten 20 Jahre sorgten Senna, Schumacher und Vettel für tolle Momente und wir verbanden die Formel 1 mit dem Begriff Motorsport. Als Formel 1 Fan ist man nach den ganzen Jahren vertrauen mit dem Konzept dieser Rennserie. Die Fahrzeuge besitzen ein Monocoque mit freistehenden Rädern und ein Rennen ist nach etwas weniger als zwei Stunden zu Ende.

Hört man dann zum ersten mal von der WEC ist es ganz normal, dass man im ersten Moment verwirrt ist. Außer vier Rädern und einem Lenkrad haben die beiden Weltmeisterschaften nicht viel gemeinsam. Während in der Formel 1 das Starterfeld mit seinen zehn Teams noch überschaubar ist, muss man sich in der WEC auf etwas größere Dimensionen gefast machen. Neben Toyota als LMP-Werksteam sowie den LMGTE-Werksfahrzeugen von Aston Martin, BMW, Ferrari, Ford und Porsche treten noch zahlreiche Privatmannschaften in den verschiedenen Klassen gegeneinander an. Das Starterfeld umfasst jedes Jahr mehr als 30 Teilnehmer.

Das Herz der Lanstrecken-Weltmeisterschaft und deren Konzept ist, wie der Name schon sagt, die Zeit. Sechs der Acht Saisonrennen haben eine Dauer von sechs Stunden. Während das klassischen Format mit 1,5 – 2 Stunden nur einen geringen Spielraum für Überraschungen bietet und hier die Poleposition Rennentscheiden ist, spielt die erste Startposition in der WEC nur eine untergeordnete Rolle. Mensch und Maschine wird hier alles abverlangt, um sich auf die wechselnden Gegebenheiten anzupassen. Bei einer Zeitspanne von sechs Stunden verändern sich die Temperaturen und die Wetterbedingungen andauernd. Hinzu kommt die Tatsache, dass spätestens aller zwei Stunden die Fahrer eines Wagens wechseln müssen, um die Belastung auf den Piloten zu reduzieren. Eine kontinuierliche Anpassung der Rennstrategie ist hier der Schlüssel zum Sieg. Die Poleposition bietet zwar eine bessere Ausgangslage beim Rennstart, hat jedoch alleine wenig Aussagekraft.

Neben dem Faktor Zeit ist auch das Regelwerk ein ganz entscheidender Punkt, welcher über Aufstieg oder Niedergang einer Rennserie entscheidet. In der Formel 1 herrscht schon seit vielen Jahren ein striktes Reglement. Für die technologische Entwicklung gibt es klare Richtlinien, Reifen müssen ab einem bestimmten Zeitpunkt schneller abbauen und auch für das Design der Fahrzeuge gibt es nur wenig Spielraum. Im vergleich dazu wirkt die WEC wie der “Wilde Westen des Motorsports”. Während die LMP-Werksteams ihre Aggregate mit einem Elektro-Hybridantrieb kombinieren, greifen die Privatmannschaften aus Kostengründen vorzugsweise auf Verbrennungsmotoren zurück.

Diese Freiheit bei der Wahl des Antriebs ermöglicht eine große Leitungsspanne. Von kleineren Einzel-Motoren mit 460 PS bis zu experimentellen Hybridfahrzeugen mit 1000 PS ist in der WEC alles vertreten. Frei nach dem Motto: “Was geht wird gemacht” experimentieren die Hersteller mit den wildesten Ideen. Im Fokus steht bei den Werksteams immer die Serienproduktion. Jedes neue System hat unterschiedliche Stärken und Schwächen die es zu erforschen gilt. Für immer mehr Autobauer ist der beste Weg um dies zu realisieren die Langstrecke. Über einen langen Zeitraum müssen die Wagen unter härtesten Bedingungen bestehen. Bewährt sich das Konzept hier findet es auch schnell seinen Weg in die Straßenfahrzeuge.

Der Toyota TS050 Hybrid in Spa-Francorchamps

Die Klassen

Jeder Wagenbauer geht bei der Entwicklung einen eigenen Weg und hat entsprechende Bedürfnisse was die Erprobung betrifft. In der Langstrecken-Szene war dies schon immer der Fall. Um bei einem bunten Mix aus unterschiedlichen Fahrzeugen einen realistischen Wettbewerb zu schaffen, wurde in der WEC das Vier-Klassen-Konzept eingeführt. In erster Linie unterscheidet sich die Rennserie in zwei Hauptgruppen, die Le Mans Prototypen (LMP) und die Le Mans Grand Touring Endurance Fahrzeuge (LMGTE). Die Prototypen Klasse richtet sich in erster Linie an Fahrzeug-, Motoren- und Chassisbauer, welche neue Wege beschreiten wollen und eigene Ideen für technologische Ansätze verfolgen. Charakteristisch ist hier, das es ähnlich wie bei Formel-Fahrzeugen eine Fahrer-Kapsel mit vier Rädern gibt. Dieses Gestell wird mit einem aerodynamisch optimierten Chassis mit Heckflosse und Heckflügel verkleidet.

Die LMP-Kategorie wird in der WEC in die zwei Klassen LMP1 (individuell angepasste Fahrzeuge) und LMP2 (kostengünstige Fertigwagen) unterteilt. Die LMP1-Klasse stellt die Spitze der WEC dar und hat neben den meisten Freiheiten auch die schnellsten Fahrzeuge. Autohersteller wie Toyota treten hier mit komplett eigenen Wagen gegen private Chassisbauer an. In der LMP2-Klasse findet man hingegen nur Privatmannschaften, welche ebenfalls im Prototypen-Bereich mitkämpfen wollen. Diese wählen ein Chassis von einem der vier zertifizierten Hersteller (Oreca, Onroak Automotive, Dallara und Riley/Multimatic). Als Antriebseinheit kommt der 4,2 Liter V8-Einheitsmotor von Gibson zum Einsatz.

Die zweite große Fahrzeuggruppe in der WEC sind die LMGTEs (Le Mans Grand Touring Endurance). Hierbei handelt es sich um Seriennahe Sportwagen, welche in ihrer Grundform frei im Handel verfügbar sind, jedoch durch die Hersteller weiterentwickelt werden. Ähnlich wie bei den LMPs gibt es auch hier eine Unterscheidung, nämlich in die zwei Klassen LMGTE-Pro und LMGTE-Am. Die “GTE-Pro” Klasse zielt hauptsächlich auf die Sportwagen-Hersteller ab, welche die Fahrzeuge bauen und verkaufen. Professionelle und erfahrene Piloten treten mit ihren Werksteams gegeneinander an um die neuen Verbesserungen zu testen und sich im direkten Vergleich mit der Konkurrenz zu messen. Neben Aston Martin ist hier BMW, Ferrari, Ford und Porsche teil des Starterfeldes.

Zusätzlich zur Profiwertung gibt es die LMGTE-Am. Hierbei handelt es sich um eine GT-Kategorie mit dem Fokus auf Privatteams und Piloten mit wenig Erfahrung bei Langstreckenrennen. Diese vier Klassen bilden zusammen die WEC und sorgen aufgrund ihrer unterschiedlichen Ausrichtungen jedesmal für interessante Kämpfe. Die Prototypen (LMPs) sind im Schnitt immer 15-30 Sekunden schneller als die GTE-Wagen, was öfters zu schwierigen Situationen im Rennen führen kann. Um hier eine Lösung zu finden, gibt es in der WEC allgemeine Vorschriften für solche Überholvorgänge. Die Regelung besagt, dass die langsameren Fahrzeuge unter Rücksicht auf die schnelleren Wagen ihre Spur halten, während die Wagen aus den übergeordneten Kategorien vorbei ziehen dürfen.

Der Ford GT bei den 6 Stunden von Spa

Die Fahrzeuge

Die Langstrecken-Weltmeisterschaft ist die wahre Heimat der Motorsport-Innovationen, so wie es die Langstrecken-Szene schon seit fast 100 Jahren war. Damals setzte man sich zum Ziel, die Fahrzeuge und deren technische Neuerungen während des Rennens unter härtesten Bedingungen zu erproben. Scheibenwischer, Scheibenbremsen und Scheinwerfer sind für uns heutzutage selbstverständlich. Doch all diese Innovationen wurden bei den 24 Stunden von Le Mans und anderen Langstreckenrennen im 20. Jahrhundert erbprobt und entwickelt.

Im heutigen Langstreckensport ist es nicht anders. Auch wenn die Prototypen kaum visuelle Ähnlichkeiten mit unseren Privatfahrzeugen haben, so ist die LMP1-Klasse dennoch die Heimat für die Weiterentwicklung der Serienfahrzeuge. Egal ob Audi und Porsche in der Vergangenheit oder Toyota in der Gegenwart, jeder Hersteller versucht die erfolgreich erprobten Technologien in den Straßenverkehr zu übernehmen. Bekannte Beispiele für jüngste technologische Entwicklungen sind der TDI-Dieselmotor, welcher in den aktuellen Straßenfahrzeugen von Audi zum Einsatz kommt oder auch die Hybrid-Antriebe von Porsche und Toyota, die in der WEC ihren Ursprung haben.

Effizienz ist einer der wichtigsten Faktoren in unserer Gesellschaft. Genau das ist ein Bereich, durch welchen sich die WEC auszeichnet. Die LMP1-Autos sind an Kraftstoffmengen gebunden, welche sie innerhalb eines Rennens nicht überschreiten dürfen. Diese Grenze wird mit jeder Saison um mehrere Prozent gesenkt und dennoch erzielen die Fahrzeuge genau so gut, wenn nicht sogar besser Ergebnisse als im Vorjahr.

Doch die Vielfalt ist nicht nur auf die Prototypen der WEC beschränkt. Vom unheimlich stillen Geräusch, welches zum Beispiel der Toyota TS050 von sich gibt, wenn er mit Elektroantrieb vorbeifährt, bis hin zum schreienden Klang des Porsche 911 RSR, ist für jeden das richtige dabei. Im Gegensatz zu anderen Rennserien ist es in der WEC tatsächlich möglich, die Augen auf der Tribüne zu schließen und allein am Motorenklang die vorbeifahrenden Wagen von einander zu unterscheiden.

In den GTE-Klassen der WEC sind ebenfalls zahlreiche Hersteller und Privatteams vertreten. Auch wenn diese keine praktische Chance auf den Gesamtsieg eines Laufes haben, so sind diese dennoch bestrebt in ihren Klassen zu glänzen. Aston Martin, BMW, Ferrari, Ford und Porsche treten alle mit speziellen Versionen ihrer Serienmodelle an, welche mit Leistungen von über 600 PS echten Motorsport garantieren.

Bruno Senna kurz vor dem Rennstart

Die Fahrer

Die Langstrecke und insbesondere die Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) ist eine Form des Motorsports, in der eine Gruppe von Fahrern ein Team bildet, welches sich während des Rennens hinter dem Steuer abwechselt. Bei den üblichen sechs Stunden Rennen der Weltmeisterschaft, teilen sich zwei bis maximal drei Piloten das Cockpit innerhalb so genannten “Stints”. Dies sind die Zeiten, welche ein Auto zwischen den Boxenstopps auf der Strecke verbringt. Diese Zeitspanne ist oft variabel, endet aber spätestens, wenn das Fahrzeug zum auftanken an die Box muss. In der Regel dauert ein Stint zwischen 45 Minuten und einer Stunde.

Die “Stint-Längen” lassen sich in Verbindung mit dem Fahrerwechsel als weiteres strategisches Element in die WEC-Rennen einbinden. Die Teams sind nicht verpflichtet bei jedem Boxenstopp die Fahrer und Reifen auszutauschen. Bei den 24 Stunden von Le Mans zum Beispiel fahren die Top-Piloten schon mal vier bis fünf Stints, was in etwa drei Stunden Fahrzeit am Stück entspricht.

Langstreckenrennen sind für viele ehemalige Formel 1- oder DTM-Fahrer eine Art Neuanfang. Wie gut dies funktionieren kann, zeigten Allan McNish und Tom Kristensen, die in ihrem fortgeschrittenen Motorsport-Alter zahlreiche Le Mans Siege und den Weltmeistertitel einfahren konnten. Doch neben den alten Hasen lockt die Langstrecke in jüngster Zeit immer öfter den Motorsport-Nachwuchs an. Der steinige und vor allem schwer finanzierbare Weg in die Formel 1 hat zur Folge, dass viele junge Talente den schritt in die ELMS oder WEC wagen. Von den GT-Klassen bis hin zur LMP1 stehen den jungen Piloten alle Möglichkeiten offen. Das dies zu schaffen ist stellten unter anderem Brendon Hartley (Werksfahrer bei Porsche), Harry Tincknell (Werksfahrer bei Ford) und Mike Conway (Stammpilot bei Toyota) durch ihre starken Auftritte in der LMP2 unter Beweis.

Im Gegensatz zu anderen Rennserien ist die WEC ein Ort, der konstanten und talentierten Fahrern eine Menge abverlangt, diese Mühen aber auch reichlich belohnt. Der Hauptfokus liegt hier nicht nur auf der Geschwindigkeit, sonder bezieht auch die Faktoren Zuverlässigkeit und Ausdauer mit ein. Nur Fahrer, welche die Faktoren Reifenabrieb, Spritverbrauch und Tempo im Einklang beherrschen, können sich in der Langstrecken-Weltmeisterschaft auf lange Sicht behaupten.

Der Ferrari 488 GTE bei den 24 Stunden von Le Mans

Die Saison

Die 6 Stunden von Spa-Francorchamps bilden die Saisoneröffnung als erstes von acht Rennen. Die Strecke in den Ardennen bietet aufgrund ihrer Lage einen einzigartigen Mix aus Steigungen und Geraden, schnellen und schwierigen Passagen. Durch die landschaftlichen Besonderheiten und die Länge von 7 km ist der Lauf für die Teams das optimale Warm-Up vor den 24 Stunden von Le Mans.

Nach dem ersten Rennen geht es jedes Jahr Mitte Juni in den Nordwesten von Frankreich. An diesem speziellen Sommer-Wochenende findet das älteste und legendärste Langstrecken-Rennen der Welt statt, die 24 Stunden von Le Mans. Da öffentliche Straßen für das Rennen mitgenutzt werden und diese nur für begrenzte Zeit zur Verfügung stehen, gibt es im Vorfeld jedes Jahr einen Testtag, wo die Teams ihre Fahrzeugabstimmung überprüfen können und die Neulinge auf dem Kurs die erforderlichen 10 Pflichtrunden absolvieren um die Zulassung für das Rennen zu bekommen.

Nach dem Highlight-Rennen folgt für viele Fahrer und Teams das Gastspiel auf dem Silverstone Circuit in Großbritannien, bevor es in die Sommerpause geht. Im Oktober verlassen die Teilnehmer schließlich den europäischen Boden und reisen nach Asien. Die 6 Stunden von Fuji sowie die 6 Stunden von Shanghai im November bilden den Abschluss im Jahr 2018. Während in der Vergangenheit die Saison Ende November traditionell in Bahrain endete, wird die Saison 2018 im Rahmen der sogenannten „Super Season“ bis Juni 2019 verlängert.

Diese Anpassung ermöglicht einen künftigen Wechsel hin zu einem Winterkalender, der jeweils im Herbst beginnt und im Juni mit den 24 Stunden von Le Mans endet. So geht es nach der Winterpause 2019 erstmals im März bei den 1500 Meilen von Sebring an den Start. Im Mai geht es erneut nach Belgien zu den 6 Stunden von Spa-Francorchamps bevor die Saison 2018/19 im Juni beim Jahreshighlight in Le Mans endet.

Der Motor des Porsche 911 RSR in der Box

Die Fahrzeugentwicklung

Nicht nur die LMP1 bietet durch das offene Regelwerk bei der Fahrzeugentwicklung viel Spannung, denn auch in der LMP2 geht es heiß her. Die freie Chassis-Entwicklung wurde hier bewusst Eingeschränkt und alle Teilnehmer müssen nun auf offiziell lizensierte Modelle von Oreca, Onroak Automotive, Dallara oder Riley/Multimatic zurückgreifen. Auch bei den Motoren gibt es drastische Veränderungen. Statt freier Auswahl und technologischer Entwicklung mit Partnern gibt es nun für alle Teams einen 4,2 Liter V8-Einheitsmotor von Gibson vorgeschrieben. Diese Änderungen sollen die Kosten senken und durch das Baukasten-System gleichzeitig mehr Chancengleichheit ermöglichen. Mussten sich die Mannschaften bisher auf die gesamte Entwicklung ihres Wagens konzentrieren, können sie nun fertige Chassis und Upgrade-Pakete bei den Herstellern kaufen und sich besser auf die großen Entwicklungspunkte in der Saison fokussieren. So entsteht ein individueller Mix der jeden LMP2-Wagen etwas anders gestaltet, die Grundzüge jedoch nicht verändert.

Auch in der LMGTE-Pro wird jede Saison mit Spannung erwartet. Im Kampf um den Weltmeistertitel setzten Hersteller wie Ford, Ferrari und Porsche auf angepasste Versionen ihrer 2017er Modelle, während Aston Martin und BMW ganz neue Modelle einsetzen. Fünf unterschiedliche Hersteller mit fünf verschiedenen Konzepten Versprechen einen spannenden Kampf um dem WM-Titel der LMGTE. Für den deutschen Autobauer BMW ist die Saison 2018 das erste Jahr in der WEC, während die Konkurrenz bereits auf viel Erfahrung zurückblicken kann.

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