Die Teilnehmer der 24 Stunden von Le Mans

Die FIA World Endurance Championship (WEC) ist die offizielle Weltmeisterschaft für Sportwagen. Als Neueinsteiger mögen die mehr als 30 Autos und die langen Rennen ein wenig ungewohnt wirken. Um Euch hier einen einfachen Einstieg zu bieten, klären wir in unserem Leitfaden „Die FIA WEC für Einsteiger“ die wichtigsten Fragen. So bist du besten vorbereitet, um dein erstes WEC-Rennen aktiv zu verfolgen

Ausdauer über vier Klassen hinweg

Die FIA WEC ist eine vollwertige FIA-Weltmeisterschaft, die im Rahmen eines Winterkalenders Rennen rund um den Globus austrägt. Die Startaufstellungen können oft mehr als dreißig Autos in vier verschiedenen Kategorien umfassen. In Le Mans sind es sogar bis zu sechzig Fahrzeuge. Werkseinsätze von Toyota in der LMP1 und Aston Martin, Ferrari und Porsche in der LMGTE Pro konkurrieren mit Privatteams aus allen vier Klassen.

Der Schlüssel zur WEC liegt im Namen – Ausdauer. Die Rennen in der Saison 2019/2020 reichen von vier Stunden auf Rennstrecken wie Silverstone und Shanghai über acht Stunden in Bahrain bis hin zu 24 Stunden beim Saisonfinale in Le Mans. Dies ermöglicht es, eine echte Strategie zu entwickeln und verlangt den Teams einiges ab. Fahrzeuge die auf der Pole stehen oder in der frühen Phase des Rennens schnell sind, müssen im späteren Rennverlauf nicht immer ganz vorn liegen. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die Zeitspanne viel Raum für Wetterveränderungen und Temperaturschwankungen bietet. Ein weiterer Faktor ist das Verlassen des Fahrersitzes und die Übergabe an einen Teamkollegen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Rennstrategie.

Freiheit im Design

Ein weiteres wichtiges Merkmal der WEC ist das Regelwerk. Der Sportwagen-Rennsport hat in seinem Reglement immer schon mehr Spielraum gelassen als andere Serien – und das gilt auch für die FIA WEC. In der Spitzenkategorie der Prototypen müssen die Werksteams ihre Verbrennungsmotoren mit einem Hybridsystem kombinieren. Privatiers hingegen setzen auf einfachere, normalsaugende Motoren, um die Kosten möglichst niedrig zu halten. In LMP2 gelten Einschränkungen in Bezug auf die Chassis- und Motorenwahl, um die Gesamtkosten gering zu halten. Bei den Fahrzeugen von GTE Pro und GTE Am wird ein Balance of Performance System verwendet, um sicherzustellen, dass die verschiedenen GTE-Fahrzeuge auf der Strecke gut aufeinander abgestimmt sind.

Dieser Freiheitsgrad in der Spitzenklasse ermöglicht ein großes Leistungsfenster. Von kleineren Motoren mit 460 PS bis hin zu experimentellen Hybridantrieben mit über 1.000 PS ist alles möglich. Die Hersteller können ihre neuesten Innovationen ausprobieren und dabei fast immer den Fokus auf ihre Straßenmodelle legen. Der Rennsport gilt längst als die ultimative Testumgebung, bei der die Komponenten an ihre absoluten Grenzen gebracht werden. Die Verknüpfung mit den Straßenfahrzeugen ist zu einem der wichtigsten Grundsätze des FIA WEC-Konzepts geworden. Dies gilt insbesondere für die Spitzenkategorie LMP1 und ist ein fester Bestandteil des Regelwerks.

LMP1 und LMP2

Der Langstreckensport hat schon immer ein „Mehrklassenkonzept“ verfolgt, was bedeutet, dass verschiedene Fahrzeugkategorien gleichzeitig auf der selben Strecke fahren. Mit insgesamt vier Klassen ist die WEC keine Ausnahme. Diese lassen sich im Wesentlichen in zwei Hauptgattungen unterteilen, die Prototypen (LMP-Klassen) und die GT-Fahrzeuge (GTE-Klassen). Die Prototypenklasse richtet sich vor allem an Automobil-, Motoren- und Fahrzeughersteller, die auf der Suche nach einer Umgebung sind, in der sie ihre neuesten Entwicklungen und Innovationen auf Herz und Nieren testen können. Die charakteristische Form dieser Prototyp-Rennwagen geht auf die 70er Jahre zurück, als der Schwerpunkt eher auf technologische Innovationen als auf die Ähnlichkeit zum Straßenauto gelegt wurde.

Die LMP-Kategorie ist in zwei Klassen unterteilt: LMP1 (in dem Werksteams erlaubt sind) und LMP2 (ausschließlich für Privateers). Die LMP1 ist die Spitzenklasse der Prototypen und verfügt über Werkswagen des japanischen Herstellers Toyota sowie eine ganze Reihe von Privatierfahrzeugen. Die LMP2 ist die zweite Prototypenkategorie, in der private Teams mit einer Mischung aus professionellen und semiprofessionellen Fahrern an den Start gehen können. Privatkundenteams können eines der vier Chassis von Oreca, Onroak Automotive (Ligier), Dallara und Riley/Multimatic kaufen und mit dem vorgeschriebenen 4,2 Liter V8-Motor aus dem Hause Gibson kombinieren.

(LM)GTE-Pro und (LM)GTE-Am

Die zweite große Kategorie ist bekannt als die GT-Kategorie. Sie ist die Heimat von Rennwagen, die dem Aussehen von Sportwagen sehr ähnlich sind und die man auf der Straße fahren könnte. Ähnlich wie bei den Prototypen gibt es auch hier zwei Klassen für „Profis“ und „Privatpersonen“. In der ersten Klasse, der GTE Pro, kämpfen Aston Martin, Ferrari und Porsche um die Weltmeisterschaft. Die Autos werden von professionellen Fahrern gesteuert. Diese Klasse ist die wahre Heimat des Leitbildes „Sieg am Sonntag, Verkauf am Montag“. Das technische Können und das Prestige des Sieges stehen im Mittelpunkt aller Werksteams.

Die GTE Am-Klasse ist die letzte der vier Klassen und beherbergt private Teams und sogenannte „Gentleman Driver“. Die Zusammenarbeit zwischen Amateurfahrern und professionellen Rennfahrern hat im Langstreckenrennsport eine lange Tradition. In der GTE Am-Klasse kann theoretisch jeder mit den notwendigen Finanzmitteln und der entsprechenden Rennlizenz teilnehmen. GTE-Am-Teams dürfen in der Regel nur GTE-Wagen fahren, die mindestens ein Jahr alt sind. Daher werden in der Regel die Fahrzeuge der Werksteams aus der vergangenen Saison eingesetzt.

Da GTE-Autos in der Regel zwischen 15 und 45 Sekunden langsamer sind als die LMP1-Boliden an der Spitze des Startfeldes, ist durch das Mehrfachklassenkonzept ein fast ständiges Überholen durch die schnelleren Prototypen erforderlich. Die allgemeine Faustregel lautet, dass langsamere Autos ihre Linie halten, während die schnelleren Wagen die Verantwortung für ein sicheres Überholen tragen. Die ständige Wachsamkeit und Intuition, die erforderlich sind, erhöht jedoch den Druck auf die Fahrer und verleiht dem Rennen einen zusätzlichen Schliff.

Innovationen von der Strecke auf die Straße bringen

Die FIA World Endurance Championship ist die wahre Heimat der Motorsport-Innovation – Denn der Langstreckensport ist praktisch seit den Anfängen vor rund 100 Jahren entstanden. Das einzige Ziel in diesen frühen Tagen war es, brandneue Technologien unter härtesten Bedingungen zu erproben und zwar im Rennsport. Scheibenwischer, Scheibenbremsen und Scheinwerfer, Komponenten, die wir heute als selbstverständlich betrachten, wurden alle bei den 24 Stunden von Le Mans und anderen Langstreckenrennen im 20. Jahrhundert auf Herz und Nieren geprüft.

Der moderne Langstreckensport ist da nicht anders. Obwohl die Prototypen nur wenige optische Ähnlichkeiten mit unseren eigenen Autos aufweisen, ist die LMP1-Klasse die Heimat der absoluten Spitzentechnologie für Straßenfahrzeuge. In der Vergangenheit waren es unter anderem Audi, Peugeot, Porsche und Nissan, die die WEC als Erweiterung ihrer Forschungs- und Entwicklungsabteilungen betrachten. Jeder Hersteller verfolgt dabei sein eigenes spezifisches Gesamtkonzept. Die aktuelle Porsche Straßenfahrzeugtechnologie, wie das Hybridsystem im 918 Spyder, wurde im 919 Hybrid auf Herz und Nieren geprüft, während Toyota seine Hybridtechnologie noch heute in Renn- und Straßenfahrzeugen erfolgreich einsetzt.

Effizienz bei optimaler Leistung

Effizienz ist einer der Schlüsselfaktoren in unserer Gesellschaft und das ist auch ein Bereich, in dem sich die Langstrecken-Weltmeisterschaft auszeichnet. LMP1-Fahrzeuge erhalten für jedes Rennen eine Kraftstoffmenge, die sie nicht überschreiten dürfen. Obwohl diese Menge im Laufe der Jahre sukzessive reduziert wurde, haben die LMP1-Fahrzeuge immer noch das Leistungsniveau des Vorjahres erreicht oder sogar übertroffen. Im Mittelpunkt stehen Innovation und Entwicklung, ohne Kompromisse bei der Leistung. Das wirkt sich auch positiv auf die Autos aus, die wir auf der Straße fahren.

Dabei ist die Vielfalt nicht nur auf die Spitzenklasse der Prototypen beschränkt, sie durchdringt auch das gesamte WEC-Feld. Vom unheimlichen Kreischen des Toyota TS050 Hybrid, bis hin zum tiefen Schrei des Porsche 911 RSR, ist für jeden etwas dabei. Im Gegensatz zu den meisten anderen Rennserien ist es tatsächlich möglich, die Augen auf den Tribünen zu schließen und jedes einzelne Auto anhand des Motorengeräusches zu erkennen.

Renneinsätze in Stints

Der Langstreckensport, insbesondere die FIA WEC, ist eine einzigartige Form des Motorsports. Dabei bilden eine Gruppe von Fahrern ein Team, das mit nur einem Auto fährt. Bei den vier- bis achtstündigen Rennen der WEC werden die Autos in der Regel auf drei Fahrer oder teilweise zwei Fahrer aufgeteilt, die sogenannte „Stints“ absolvieren. Ein Stint ist die Zeit, die das Auto zwischen den Boxenstopps auf der Rennstrecke verbringt. In den meisten Fällen dauert der Stint so lange, bis das Auto einen vollen Kraftstofftank verbraucht hat. Die Stintlängen variieren von Klasse zu Klasse, liegen aber in der Regel zwischen 45 Minuten und 1 Stunde.

Stintlängen und Fahrerwechsel ergänzen die WEC-Rennen um ein weiteres strategisches Element, da die Teams nicht unbedingt bei jedem Boxenstopp Fahrer und Reifen wechseln müssen. Tatsächlich ist es bei den 24 Stunden von Le Mans üblich, dass die Spitzenfahrer vier oder sogar fünf Stints hintereinander absolvieren, was etwa 3 Stunden im Auto entspricht.

Alle Fahrer werden von Platin bis Bronze eingestuft, abhängig von einer Vielzahl an Faktoren wie Erfahrung, Alter und Leistung. In den Klassen LMP2 und GTE-Am, in denen Gentleman-Fahrer mit Profi-Fahrern im gleichen Team kombiniert werden, zielt diese Einstufung auf Chancengleichheit ab und verhindert, dass Teams einfach ein rein professionelles Fahrer-Team zusammenstellen.

Die besten Fahrer der Welt

Sportwagen- und Langstreckenrennen waren schon immer ein eine zweite Chance für Formel-1-Fahrer, denen vielleicht nicht die Möglichkeiten gegeben wurden, die sie verdienten. Die WEC-Weltmeister von 2013 und die mehrfachen Le-Mans-Sieger Tom Kristensen und Allan McNish sind ein Beweis dafür. Aufgrund der fehlenden Einstiegsmöglichkeiten in das aktuelle Formel-1-Paddock bzw. der erforderlichen Finanzmittel gehen jedoch viele junge, talentierte Fahrer den Weg in den Langstreckensport.

Die Talentförderung erfolgt über eine eigens dafür eingerichtete Stufensystem: In Schwesterherzen wie der ELMS können die Faher schon in der LMP3-Klasse Erfahrungen mit Prototypen sammeln, bevor sie zur WEC in die LMP2 oder gar LMP1-Kategorien wechseln. Die aktuellen Toyota-Piloten Mike Conway und Brendon Hartley zogen beispielsweise durch ihre Leistungen in der LMP2 die Aufmerksamkeit der Werksteams auf sich.

Im Gegensatz zu anderen Motorsportarten ist die FIA WEC eine Serie, in der konsequente und fokussierte Fahrer reich belohnt werden. Der Fokus im Rennen liegt nicht nur auf der Höchstgeschwindigkeit – auch wenn es manchmal durchaus möglich ist. Vielmehr geht es darum, über mehrere Stunden hinweg einen optimalen Durchschnittswert zu halten. Fahrer, die ein Gleichgewicht zwischen Reifenverschleiß, Kraftstoffverbrauch und Schnelligkeit finden, werden wirklich herausragen.