WEC-Fahrzeuge in der Boxengasse

Mit jeder neuen Saison beginnt ein neues Reglement. Was das Jahr 2021 für die WEC bereithält, haben verraten wir Euch in diesem Beitrag.

LMH – Die neue Spitzenklasse

Nach acht Jahren endete die Ära der bisherigen WEC-Spitzenklasse LMP1. Mit dem Beginn der 9. Saison wird diese ersetzt durch die LMH-Kategorie. LMH steht für Le Mans Hypercar und bezeichnet man umgangssprachlich schlicht als Hypercar-Klasse.

Mit dieser einhergehend folgt auch die Anwendung des neuen Fahrzeug-Regelwerks, welches den Einsatz von Prototypen-basierten oder Straßen-basierten Hypercars vorschreibt. Teilnehmen können nur Fahrzeughersteller, die ein eigenes Hypercar entwickelt haben und eine begrenzte Stückzahl davon in den Handel bringen. 

Hilfe von Partnern ist hier jedoch nicht verboten, was auch Gemeinschaftsprojekte wie jenes der Scuderia Cameron Glickenhaus zusammen mit Joest und Sauber ermöglicht. Im Folgejahr 2022 wird diese Klasse geöffnet für den amerikanischen Wagentyp der LMDh-Kategorie. Dieses Kürzel steht für Le Mans Daytona hybrid und ist die Weiterentwicklung der bisherigen DPi-Fahrzeuge (Daytona Prototyp international). Weitere Informationen zu diesen Thema gibt es hier.

Personalbegrenzung beim Einsatzteam

Erstmals in der WEC-Geschichte gibt es eine konkrete Maßgabe, wie viele Personen aktiv am Einsatz eines LMH-Wagens mitwirken dürfen. Hintergrund sind die zuletzt immer weiter ausufernden Kosten der LMP1-Mannschaften gewesen, die zum Ausstieg einiger Teilnehmer führten.

Mit der Saison 2021 ist diese Zahl auf 40 Mitarbeiter gedeckelt. Eine Ausnahme besteht für alle Hypercars mit ERS (Energierückgewinnung), diese dürfen von maximal 43 Mitarbeitern betreut werden, da die Technik komplexer ist und mehr Knowhow erfordert.

Ausgenommen von dieser Regelung sind alle sekundären Gruppen, die nicht aktiv am Wagen mitwirken. Hierzu zählen unter anderem das Catering, das medizinische Personal, Marketing- und PR-Mitarbeiter, die Fahrer und weitere. Die vollständige Übersicht gibt es in unserem Regelwerk

Die Steilkurve in Monza

Zwei neuen Strecken in der WEC-Saison 2021

Bedingt durch die Corona-Pandemie hat es auch beim Rennkalender erhebliche Veränderungen gegeben. Schon zur ersten Bekanntgabe 2020 wurde die Anzahl der Saisonrennen von 8 auf 6 reduziert, um Kosten zu sparen und eine Pandemie-bedingte Flexibilität zu ermöglichen.

Da Großbritannien aufgrund des Brexit eine unsichere Konstante wurde, ersetzte man den Lauf kurzerhand durch die 6 Stunden von Monza. Ein zweiter, sehr kurzfristiger, Tausch kam wenige Wochen nach dem Jahreswechsel mit der Absage des Saisonauftakts. 

Einreisesperren und die aktuelle Pandemie-Entwicklung machen die 1000 Meilen von Sebring unmöglich, weshalb die Organisatoren nach Portugal ausweichen. Hier sollen nach aktuellem Stand die 8 Stunden von Portimão als erstes Rennen 2021 stattfinden.

Neue Gesichter im Starterfeld

Doch Veränderung gibt es auch auf der Strecke. Gleich mehrere Teams wagen den Aufstieg in die WEC und gehen zur Saison 2021 erstmals an den Start. Zu den frischen Gesichtern gehören unter anderem Glickenhaus Racing mit zwei Hypercars, das Richard Mille Racing Team, das Team WRT, Inter Europol Competition und Realteam Racing, die alle mit einem Oreca 07 in der LMP2 starten. Den einzigsten Ligier JSP217 im LMP2-Feld bringt Neueinsteiger Arc Bratislava.

Das Team Inter Europol Competition

Doch auch die beliebte LMGTE-Am-Kategorie feiert Zuwachs. Neben D’Station Racing (Aston Martin Vantage AMR) treten unter anderem Iron Lynx (Ferrari 488 GTE EVO) und Cetilar Racing (Ferrari 488 GTE EVO) erstmals in der kleinsten Klasse an. Die komplette Meldeliste mit allen 33 Fahrzeugen und ersten bestätigten Fahrern gibt es hier zum nachlesen.

Neue Wertungsklassen in der Rangliste

Mit dem Wechsel an der WEC-Spitze folgt auch ein neuer Weltmeistertitel für Hersteller und Fahrer. Dieser Trägt im Englischen den Namen „Hypercar World Champion“ und wird 2021 erstmals vergeben.

Ebenfalls frisch eingeführt wird die „LMP2 Pro/Am-Wertung“. Hierbei handelt es sich um eine virtuelle Sub-Klasse innerhalb der LMP2. Teilnahmeberechtigt sind alle LMP2-Mannschaften, die mindestens einen Bronze-Fahrer im Cockpit aufweisen können. Am Ende der Saison bekommt das beste Team und der beste Fahrer der Pro/Am-Wertung eine eigene Trophäe, abseits der normalen LMP2-Langstrecken-Trophäen.

Änderungen bei der Reifenwahl

Michelin wird als exklusiver Reifenpartner die Fahrzeuge in der Klasse LMH. Der Hersteller Goodyear, welcher 2020 zunächst einige LMP2-Mannschaften belieferten, wird in diesem Jahr exklusiv die LMP2-Kategorie beliefern. In den beiden LMGTE-Klassen dürfen die Teams zwischen Michelin und Goodyear wählen.

Der Goodyear Zeppelin in Le Mans

Doch ob es wirklich zu einem Reifenkampf in den GTE-Kategorie kommt ist fraglich. In den vergangenen Jahren haben viele Teams trotz Wahlfreiheit auf die Michelin-Modelle zurückgegriffen. Noch gibt es keine offizielle Liste, doch die Chancen sind hoch das wir Goodyear in der 9. Saison gar nicht sehen werden.

Ein (fast) einheitliches BoP-System

Bereits in der vorhergehend Saison experimentierte die WEC mit einem Computer-gestützten Balance of Performance-System (BoP). Ein KI-Programm wird hierzu vor, während und nach einem Rennwochenende fortlaufend mit Daten gefüttert. Sobald die Berechnungen ein Ungleichgewicht zwischen den verschiedenen Fahrzeug-Modellen ergeben, folgt die Empfehlung an die Rennleitung mit entsprechenden Maßnahmen.

Mit Beginn der Saison 2021 kommt dieses System in weiterentwickelter Form bei den LMH- und LMGTE-Pro-Fahrzeugen zum Einsatz. Änderungen können je nach Situation bis wenige Stunden vor Rennbeginn veranlasst werden. Die LMP2 und die LMGTE-Am sind von diesem System jedoch ausgenommen.

Während die LMP2 Bauart-bedingt auf standardisierte Fahrzeuge und einen Einheitsmotor setzt, wird in der LMGTE-Am das System der Erfolgsgewichte angewendet. Eine genaue Erläuterung zu den Funktionsweisen der BoP 2021 gibt es in unserem Regelwerk.

Ein neues Qualifying-Format

Zum Schluss gibt es noch eine Änderung, die vermutlich kommen wird. Bereits zu den 24 Stunden von Le Mans 2020 gab es erstmals ein neues Qualifying-Format, das sich am Formel E-Prinzip orientiert. Hierbei erhalten die schnellsten Teilnehmer jeder Klasse die Chance auf eine zusätzliche Qualifying-Session.

Bis zuletzt gab es immer wieder Informationen, das die WEC ein adaptiertes System mit Beginn der Saison 2021 verwenden möchte. Doch bisher fehlte der entsprechende Paragraph im Regelwerk und auch von offizieller Seite gab es noch keine Informationen. Änderungen in diesem Bereich sind jedoch mit weniger Aufwand verbunden und theoretisch bis kurz vor Saisonbeginn möglich.

Bilder © WEC-Magazin (Walter Schruff / Ton Kerdijk)


Tobias

Tobias ist Chefredakteur und einer der Gründer von WEC-Magazin.