Ferrari 166MM - Winning car at the 1949 24 Hours Le Mans - CC BY-SA 2.0 Marty B auf Flickr

Mit 13 Sportwagen-WM-Titeln und neun Gesamtsiegen in an der Sarthe ist Ferrari nach Porsche und Audi der dritterfolgreichste Hersteller aller Zeiten. Doch nur wenige wissen, wer den ersten Le Mans-Sieg für Ferrari überhaupt möglich machte.

Die mit Abstand erfolgreichste Ära der Italiener sind die 1960er Jahre. Damals schaffte es die Scuderia mit den Frontmotor-basierten Testa Rossas sowie den Heckmotor-getriebenen Wagen der P-Serie fünf Mal in Folge den Le Mans-Titel zu sichern. Einzig die Ford GT40 waren in der Lage, diese Siegesserie zu beenden, wie der Film Le Mans 66 zeigt.

Viele wissen, dass der erste Sieg eines Ferrari-Werksteams in Le Mans im Jahr 1954 errungen wurde. Doch weniger bekannt ist der erste Le Mans-Erfolg eines Ferrari, der sich fünf Jahre zuvor ereignete.

Die Wiedergeburt der 24 Stunden von Le Mans

Das Rennen von 1949 war gebettet in die Zeit nach dem Krieg und etwa mit Beginn des Wirtschaftswunders. Viele Jahre konnte das berühmteste Autorennen der Welt nicht stattfinden, da die Deutsche Luftwaffe den angrenzenden Flughafen zuvor besetzt hatte. 

Dies führte im 2. Weltkrieg zu schweren Bombardierungen durch die britische Royal Air Force. Die Deutschen hatte sogar die Mulsanne-Gerade zu einer Behelfspiste umgebaut, die ebenfalls bombardiert wurde. Darüber hinaus wurde die Anlagen der Rennstrecke für kurze Zeit auch als Gefangenenlager genutzt.

Es dauerte vier Jahre, bis der Rennveranstalter (der Automobile Club de l’Ouest – ACO) die notwendigen Gelder zusammentragen konnte, um die Strecke wiederherzustellen. Neue Tribünen, Boxen und Presse-Räume wurden errichtet. Insgesamt beliefen sich die Kosten auf 150.000€, was etwa 6.000.000€ nach heutigem Kurs entspricht.

Zu diesem Zeitpunkt befand sich Ferrari noch in den Anfängen und versuchte Fuß zu fassen im Motorsport. Das erste Fahrzeug, was für diese Zwecke entworfen wurde, war der 166 S von 1948, der 1949 ein Upgrade in Form des 166 Mille Miglia (MM) bekam. Erste Erfolge konnte Ferrari mit dem 166 S bereits bei der Targa Florio und der Mille Miglia (beide mit jeweils 10 – 12 Stunden Distanz) erzielen.

Doch das Team aus Maranello war sich noch nicht sicher, ob dies ausreichen würde, um den heiligen Gral, die 24 Stunde von Le Mans, zu meistern. Diese Unsicherheit nutzten „Luigi und der Lord“ mit ihrem Privateinsatz – ein Glücksfall für beide, denn es reichte zum ersten Le Mans-Sieg eines Ferrari.

Eine Premiere mit Privatmannschaft

Peter Mitchell-Thompson, auch bekannt als Lord Selsdon, fuhr bereits zwei Mal in den 1930er Jahren in Le Mans. Sein Debüt gab er im Frazer-Nash 1935, gefolgt vom zweiten Start im V12 Lagonda 1939. Für das Jahr 1949 kaufte der 36 Jahre alte Brite einen 166 MM im Ferrari-Werk und registrierte diesen mithilfe von Luigi Chinetti, der zweifach in den 1930er Jahren mit Alfa Romeo in Le Mans startete, für den Langstrecken-Klassiker.

Ein zweiter Ferrari wurde im selben Jahr durch Pierre Louis Dreyfus und Jean Lucas eingesetzt. Doch noch bevor das Rennen begann, wurde dieser Wagen schwer beschädigt. Nur mit etwas Glück konnte das Team die dringendsten Reparaturen durchführen.

Zwischen den damals bekannten Werksgrößen wie Delage, Talbot-Lago und Delahave wirkten die beiden privat eingesetzten Ferrari nicht wie eine ernstzunehmende Konkurrenz. Doch alle Fahrzeuge des Jahrgangs 1949 wurden erst nach dem Krieg gebaut. Es war für viele ein Rennen ins Ungewisse.

Ein zermürbendes Rennen

Wie erwartet, kamen die beiden Werks-Delahayes am Start gut los und bauten innerhalb der ersten Stunde eine Runde Abstand zur Konkurrenz auf. Doch wie fast immer in Le Mans, gab es kurz darauf einen dramatischen Zwischenfall beim Führungsfahrzeugen, der alles veränderte.

„Flahaults Delahaye absolvierte eine Reihe von Boxenstopps mit dem Ergebnis, dass der Motor nicht mehr anspringen wollte und 43,2 Minuten verloren gingen“, schrieb Dennis Jenkinson im Motorsport Magazine. „Und als ob das noch nicht genug wäre, fing Pozzi im führenden Delahaye auf der Mulsanne Feuer. Es muss eine halbe Stunde gedauert haben, bis er unter frenetischem Beifall seinen geschundenen Wagen ohne Licht in der Abenddämmerung an die Box brachte!“

Als der weitaus schnellere Fahrer wurde Chinetti von Teambesitzer und Co-Pilot Lord Selsdon sich selbst überlassen. Der Italiener hielt an dritter Stelle mit den Delahayes mit, verlor aber in der Abenddämmerung 7 Minuten in der Box.

Der unwahrscheinliche Sieger

Chinetti verarbeitete den Rückschlag schnell und profitierte von dem Delahaye-Drama, indem er die Führung erbte. Der Vorsprung auf die beiden Werks-Delages betrug über Nacht rund zwei Minuten und im Morgengrauen zwei Runden. Nachdem Lord Selsdons Co-Pilot genug Vorsprung herausgefahren hatte, war es an der Zeit, dass der Lord selbst ans Steuer ging. Sein Stint dauerte 72 Minuten, bevor er den 166 MM wieder an einen erfrischten Chinetti übergab.

Trotz eines Problems mit der Kupplung in der Schlussphase, schaffte es Chinetti den ersten Le Mans-Sieg für Ferrari einzufahren. Acht weitere Ferrari-Gesamtsiege sollten in absehbarer Zeit folgen.

Chinetti, der ursprünglich nach Frankreich und nach dem Krieg in Richtung Amerika gezogen war, wurde exklusiver Nordamerika-Importeur für Ferrari. Er gründete zudem das „North America Racing Team“, welches Ferraris in zahlreichen Sportwagen- und Formel 1-Rennen einsetzte. 

Für Lord Selsdon, der als erster Schotte die 24 Stunden von Le Mans gewinnen konnte, war es der Höhepunkt in seiner Rennfahrer-Karriere. Nach diesem Erfolg trat er nie wieder auf der internationalen Motorsportbühne an. Er verstarb im Jahr 1963.

Weiterführende Informationen

Wer mehr zum Ferrari-Comeback erfahren möchte, findet hier unsere neuste Meldung verlinkt. Den oben erwähnten Film Le Mans 66 haben wir in Folge 15 des WEC-Magazin Podcast besprochen. Noch mehr „Legenden von Le Mans“ haben wir auf dieser Seite für Euch zusammengestellt.

Bild © Ferrari 166MM – Winning car at the 1949 24 Hours Le Mans – CC BY-SA 2.0 Marty B auf Flickr


Tobias

Tobias ist Chefredakteur und einer der Gründer von WEC-Magazin.